Wann bist du das letzte Mal einer Cocktail schlürfenden Schildkröte, Snoop Dogg und Yoda in einer Person, einem Kasperle mit Spraydose und Goofy an einem Tag begegnet? Nein, es geht hier nicht um einen Drogenrausch, sondern um Kunst. Genauer gesagt um Streetart im Bochumer Stadtgebiet. Wir – das sind Lisa, Dustin und ich – haben uns mal wieder auf eine Tour durch unsere Lieblingsstadt begeben. Und das alles mit nur einem Transportmittel, der U35.
Einzelansicht
Streetart-Tour mit der U35

Haltestelle Ruhr-Uni: „Hall of Fame“ Unterführungen Universitätsstraße an der RUB
Unser erster Weg führt uns zur „Hall of Fame“ an der Ruhr-Uni (RUB). Halt mal! Hall of Fame? Diese Begrifflichkeit bringe ich eher mit dem amerikanischen Profi-Basketball, also der NBA, in Verbindung. Während dort die größten Korbjäger aller Zeiten – für mich persönlich sind das Michael Jordan und Dirk Nowitzki – einen Ehrenplatz erhalten habe, geht es an den Unterführungen unter der Universitätsstraße eher um zahlreiche Künstler, die sich auf den Tausenden von Quadratmeter großen Wandflächen verewigt haben. Wer vom Unistress in riesigen Betonklötzen genervt ist, kann hier in eine durch Sprühdosen geschaffene bunte Welt abtauchen. Gut, zugegebenermaßen laden das Drumherum und die vorbeirauschenden Autos nicht zum Verweilen ein. Wir halten uns trotzdem länger auf als geplant, weil wir von vielen Motiven tief beeindruckt sind.
Ich als selbsternannter Kunstbanause kann mit aufwendig gestalteten Schriftzügen oder abstrakten Formen und Figuren nicht so viel anfangen. Mich begeistern eher realistische Darstellungen von Menschen, Tieren und Helden meiner Kindheit, oder besser gesagt Zeichentrickfiguren. Zum Beispiel sowas wie eine Cocktail schlurfende Schildkröte, die mir als erstes ins Auge springt. Doch, natürlich ist das realistisch! Zumindest hier unter der Unistraßenbrücke. Genauso realistisch wie Yoda und Snoop Dogg in einer ineinander verschwimmenden Person. Wow, wie spektakulär. Das gleiche Adjektiv fällt mir auch beim liebe- und farbkraftvoll gestalteten Kasperletheater ein. Sensationell! Moment mal, was hat der Kasperle denn da in seiner rechten Hand? Eine Spraydose!? Natürlich, was sonst! Ein bisschen weiter begegnet uns dann so ein Held meiner Kindheit: Goofy im Smoking und mit Zylinder auf dem Kopf und Zauberstab in der Hand. Magisch!
Haltestelle Wasserstraße Universitätsstraße, unter der Brücke Steinring
Es gab an der RUB noch so viel mehr zu entdecken. Und wahrscheinlich ist uns auch bei weitem nicht alles aufgefallen. Wir entschließen uns trotzdem, die nächste Bahn in Richtung Riemke Markt zu nehmen. Ab in die U35, nächster Halt Wasserstraße. Ein paar Gehminuten brauchen wir, bis wir erneut mit offenem Mund vor einer rund 1.000 Quadratmeter großen Fläche stehen. Zweieinhalb Jahre zuvor standen hier noch 28 Künstler mit Unmengen an Sprühdosen „bewaffnet“ und zauberten auf eine Stützmauer zahlreiche atemberaubende Motive. Mein persönlicher Favorit: ein an der Oberfläche schwimmender Pottwal. Ich sag ja, ich stehe auf Menschen, Tiere und Comic-Figuren.
Haltestelle Waldring Universitätsstraße 123
Das nächste Stück unserer Tour legen wir zu Fuß zurück, denn nur ca. 100 Meter weiter in Richtung Innenstadt müssen – ja, müssen – wir schon wieder Halt machen. Sorry an die Hausbewohner, die sich gerade in der Küche einen Kaffee gemacht haben. Wir haben natürlich nicht euch beobachtet, sondern waren fasziniert von dem fies dreinblickenden Stelzenläufer mit beängstigendem Laternenlicht in der Hand und dem Känguru, das auf einer Hausveranda sitzt und mit einer Leine die Schildkröte führt, die wiederum das in Australien beheimatete Tier und das riesige Haus auf dem eigenen Rückenpanzer trägt. Wo wir wieder beim Thema realistische Darstellungen sind. Naja, mir gefällt es trotzdem ausgesprochen gut!
Bevor uns der irre Stelzenläufer noch einholt, steigen wir lieber wieder in die U-Bahn. Vom Waldring geht’s zur Feldsieper Straße. Diese laufen wir von der Herner in Richtung Dorstener Straße hoch. Kurz kommen bei mir verloren gegangene Erinnerungen hoch, als wir an meiner Grundschule vorbeilaufen. Aber das würde jetzt zu privat werden! Wir konzentrieren uns lieber auf das, was uns ein paar Hundert Schritte weiter erscheint: Ein riesiges Blaukehlchen, das friedlich auf einem Ast hockt und in die Ferne blickt. Der wolkige Himmel und die hügelig grüne Landschaft im Hintergrund, die sich auch noch um die Hausecke herum über gleich drei Mehrfamilienhäuser zieht, tragen ebenfalls zur angenehmen Friedlichkeit des Motivs bei. Entspannung pur für die eigenen Augen im sonst so schnelllebigen Großstadtgetümmel!
Haltestelle Feldsieper Straße S-Bahn-Haltestelle Bochum-Hamme
Es braucht wieder nur eine überschaubare Anzahl an Gehmetern, bis es wieder abstrakter wird. An der S-Bahn-Haltestelle Bochum-Hamme wechseln sich wieder bunte Formen und Schriftzüge mit beeindruckenden Figuren ab. Hier ein besonderer Hingucker: die entschlossene Miene einer Jägerin, die einen Haischädel wie eine rituelle Kopfbedeckung trägt. So schnell wandelt sich die Friedlichkeit des Blaukehlchens in ein mulmiges Gefühl durch den Anblick der Jägerin um. Dazu passt der Teufel auf der anderen Seite. Moment, der Teufel ist eigentlich eine Sprühdose und hat eine Farbrolle in der Hand. Ist das jetzt schon abstrakt oder noch realistisch?
Haltestelle Zeche Constantin Bahnunterführung an der Poststraße 97
Egal, weiter geht’s … Um die nächste und letzte Station unserer Tour zu erreichen, braucht es einen etwas längeren Spaziergang. Nach 20 Minuten, die meiste Zeit führt uns über die Hofsteder Straße, kommen wir an einer Unterführung an der Poststraße an. Unser allererster Eindruck: Schade, dass es hier so düster ist und man nur aus der Nähe die Vielseitigkeit der Motive auf den gestalteten Wänden sieht. Auffällig sind hier vor allem die einheitlich genutzt Pastelltöne. In verschiedenen Lila-, Rosa- und Türkistönen sind nicht nur skeptisch blickende Gestalten zu bestaunen. Auch friedliche Vögel und vermenschlichte Sprühdosen haben hier ein von Künstlern geschaffenes Zuhause gefunden. Auf den ersten Blick (zu) dunkel, auf den zweiten Blick sehenswert! Die Poststraße in Richtung Herner Straße führt uns zur Haltestelle Zeche Constantin. Von dort aus treten wir mit vielen bunten Eindrücken die Heimreise an.
Am Ende waren wir über drei Stunden unterwegs. Und alles mit einem Tagesticket für die U-Bahn und ein bisschen Fußweg zu bewerkstelligen. Schon unsere erste Streetart-Tour war eine Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Faszination. Teil zwei steht dem in nichts nach! Unser Fazit: Bochum hat echte Streetart-Hingucker zu bieten. Wir freuen uns auf mehr (in Teil drei)!
Zu Streetart Teil 1
verfasst von Krummi März 2024
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