Aurel Dawidiuk ist Dirigent, Pianist und Organist und seit August dieses Jahres der neue Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker sowie Intendant des Anneliese Brost Musikforum Ruhr. Der in Hannover geborene Musiker gilt als vielseitiges, vielfach ausgezeichnetes Talent und hat an renommierten Häusern seine musikalische Visitenkarte hinterlassen. Nun will der 26-Jährige in Bochum seine Akzente setzen.
1. Was ist Ihnen von Ihrer ersten Begegnung mit den Bochumer Symphonikern aus dem März 2025 geblieben?
Es zählt ja der erste Eindruck. Und der erste Eindruck war musikalisch unglaublich über wältigend, auch aufgrund des Repertoires, wir haben Tschaikowskis vierte Symphonie gespielt. Man macht gleich zu Beginn einen Konzertdurchlauf, damit man sich kennen lernt in der ersten Probe. Ich habe mir dann vorgestellt: Wenn das hier der Konzertmodus ist, dann ist das eine Sache, auf der wir gut aufbauen können, auf die ich große Lust hätte, sie auszuarbeiten, zu pflegen und noch weiter zu intensivieren.
2. Damals waren Sie zu Gast, jetzt geht es gemeinsam auf Langstrecke. Was macht das mit Ihnen?
Das Wunderschöne an dieser langfristigen Zusammenarbeit ist, dass man sich eben auch langfristig Ziele setzen und Program me erarbeiten kann, die über den einzelnen Konzertabend hinausgehen. Wir haben einen drei Saisons umfassenden Plan mit Beetho ven, den Fanfaren von Joan Tower und den Bochumer Hauskomponisten Hindemith, Schulhoff und Krenek. Das kann man nicht an einem Abend abfertigen. Das braucht einen langen Atem. Und wenn man den zusammen hat und mit dem Publikum einen gemein samen Weg geht, dann ist das der Musik nur zuträglich. Und die Qualität steigert sich dadurch enorm.
3. Sie haben bereits Orchester in Amsterdam, Tokio, Liverpool und Dresden dirigiert. Warum ist Bochum für Sie jetzt der richtige Ort?
Um als Chefdirigent irgendwo zu arbeiten, muss das Orchester seine Meinung und seinen Wunsch abgeben. Und das deckt sich jetzt in diesem glücklichen Fall auch mit mei nen Vorstellungen. Das ist etwas, was man gar nicht so leicht anderorts reproduzieren kann. Bei einer langfristigen Zusammenar beit zählt mehr als die musikalische Qualität. Da kommen viele Faktoren zusammen, dass man sich gegenseitig sieht und wahrnimmt. Das ist hier einfach der Fall und woanders nicht.
4. Das Orchester hat sich für Sie ausgesprochen: Gibt das Rückenwind oder Erwartungsgdruck?
Beides. Erstmal ist es ein Vertrauensvor schuss, zumal, wenn man noch nicht so viel zusammengearbeitet hat. Aber wenn es so gut war, so intensiv, wie es bei uns der Fall war, dann hat man auch viel Mut, dieses Vertrauen einzugehen. Das ist ja beidseitig und deswe gen ist die Erwartung auch meinerseits ganz groß, weil ich mich jetzt einfach freue, wenn wir uns von Programm zu Programm wirklich kennenlernen – musikalisch und menschlich. Das ist so der Zauber des Anfanges.
5. Was haben Sie mit den Bochumer Symphonikern und dem Musikforum langfristig vor?
Die Vision ist: maximale musikalische Qualität verbunden mit ehrlicher und umarmender Mitmenschlichkeit. Das sind die zwei großen Parameter für mich. Die Musik ist natürlich unser Beruf, es ist klar, was wir machen. Aber dass das einhergeht mit einer Menschlichkeit, die übers Orchester hinaus für alle gilt, für die Stadt und die Menschen hier – das ist Ziel und Wunsch zugleich für mich.
6. Junges Alter, große Verantwortung - müssen Sie doppelt überzeugen?
Mein ganzes Leben widme ich schon der Musik. Klar, andere leben schon ein bisschen länger. Dann haben sie mehr Lebenszeit ver bracht damit. Aber auch bei mir ist das schon eine ganze Menge. Und es gibt auch andere junge und noch jüngere Kolleginnen und Kollegen in gleicher Funktion, die das auch ganz prima gestalten. Das ist übrigens schon immer so gewesen. Und wichtig ist auch – das dürfen wir nicht vergessen – dass wir hier einen wunderbaren Teamspirit pflegen, ohne den das alles gar nicht möglich ist.
7. Sind Sie eher ein Typ mit klaren Ansagen oder für eine gemeinsame Lösung?
Beides muss sein.
8. Was lässt außerhalb des Konzertsaals Ihr Herz höherschlagen?
Vor ein paar Jahren hätte ich noch etwas anderes gesagt. Es ist ein bisschen schon eine altersweise Antwort: die Natur. Ich gehe unglaublich gerne nach einem Probentag oder einer Konzertwoche raus. Dann lasse ich das Handy bewusst zu Hause, nehme mit offenen Ohren und Augen die Welt und die Mitmenschen wahr. In Bochum gibt es ja auch ein paar schöne Grünflächen. So kann ich das damit verbinden, die Stadt abseits des Musikforums kennenzulernen.
9. Sie sind schon viel herumgekommen. Was haben Sie dabei mitgenommen?
Um jetzt speziell auf meinen Beruf einzuge hen, ist es ganz erstaunlich, wie unterschied lich Musik gedacht und gemacht wird anders wo. Deswegen ist jeder Auswärtstrip für mich eine neue Erfahrung und eine Bereicherung, weil ich völlig andere Sichtweisen auf die Mu sik und die Orchesterkultur kennenlerne. Das kann man gar nicht so leicht in Worte fassen, weil es ja eben musikalisch ist. Es ist nonver bal und findet dann einfach im Spielen selbst statt, aber auch in Blicken oder in Schwin gungen im Saal. Dabei versuche ich, mir das Beste aus allen Welten zu nehmen und hier in unsere Bochumer Welt zu integrieren.
10. Wenn wir uns in drei Jahren wiedertreffen: Was soll dann in Bochum anders klingen?
Das Schönste an so einer künstlerischen Arbeit ist – neben einer klaren Vision – sich ganz viel Offenheit zu erlauben und beizu behalten, weil künstlerisch so viel passie ren kann, was ungeplant ist und meistens dann auch am besten wirkt. Ich glaube, da ist vieles, was ich in drei Jahren erzählen könnte, was ich jetzt noch gar nicht ahne oder erträumen könnte, was dann aber Realität wird. Deswegen würde ich gerne selber wissen, was in drei Jahren passiert – auf der anderen Seite lasse ich mich auch ganz gerne überraschen.
11. Was sollte ein Mensch im Musikforum anhören, der bislang mit klassischer Musik nichts anfangen kann?
Das Schöne ist: eigentlich alles. Wir können da nur jeden einladen, jederzeit zu kommen, sei es zu einer Bruckner-Symphonie oder dem Popkonzert oder dem traditionellen Konzert zum Jahreswechsel oder gar nicht hier im Konzertsaal, sondern einfach unterm freiem Himmel im Bermuda3Eck. Also es ist für jeden was dabei. Und es ist auch für jeden die Chance, nochmal etwas Neues zu entdecken.
Das Publikum im Anneliese Brost Musikforum Ruhr kann sich auf eine Saison voller bekannter Highlights und spannender Neuheiten freuen. So sind Erfolgsformate wie “Bosy goes Pop”, die Matinée am Sonntag, Meisterstücke oder das Konzert im Bermuda3Eck weiterhin im Programm. Neu hingegen ist zum Beispiel die von Dawidiuk ins Leben gerufene Dirigier-Akademie und das Format “Geschichten”. Tickets gibt's auch in der Bochum Touristinfo. Weitere Infos finden Sie unter www.bochumer-symphoniker.de.
