Wieder einmal wird das Ruhrgebiet zur Bühne der Kunst: die reisende Biennale Manifesta, die alle zwei Jahre an einem anderen Ort in Europa stattfindet, ist mit ihrer 16. Ausgabe im Ruhrgebiet zu Gast. Das Besondere: Als besagte Bühne dienen diesmal Kirchen räume, die als aktiv genutzte Gotteshäuser ausgedient haben. Konkret sind es zwölf Kirchen in vier Ruhrgebietsstädten, die zu Ausstellungsräumen umgewandelt wurden. Bochum ist mit vier ehemaligen Kirchen vertreten: St. Anna in Stahlhausen, Gethsemane in Hamme, Christ-König in Bochum-Süd und St. Ludgerus in Langendreer.
In Anlehnung an René Magritte lautet das Motto der diesjährigen Manifesta: „This is not a church/Das ist keine Kirche“. Das Zitat gelingt, denn trotz der „künstlerischen Umnutzung“ der Räume verschwindet der Bautypus natürlich nie ganz und es entsteht ein (Zusammen-)Spiel zwischen der eigentlichen Architektur und ihrer neuen Nutzung.
So greift das Kunstwerk „Kein Geläut“, der belarussischen Künstlerin Marina Naprushkina das Ausstellungsumfeld gleich mehrfach auf. Sie platziert vor der Gethsemane-Kirche in Hamme ihre interaktive Skulptur: eine aufblasbare Glocke, die als Hüpfburg dient, und mit dem Schriftzug „We’ll never go back!“ versehen ist. Das gusseiserne Pendant steht gleich daneben. Die historische Glocke, die – wie könnte es anders sein – vom Bochumer Verein hergestellt wurde, hing bis zum Krieg im Vorgängerbau an der Amtsstraße. Die Kunst nimmt hier zum einen Bezug auf den konkreten Ausstellungsraum Kirche, wie auch auf die Region als Industriestandort; zum anderen thematisiert Naprushkina eines der derzeit brisantesten gesellschaftlichen Themen: Migration. Damit trifft die Künstlerin den konzeptuellen Kern der Biennale, die sich vornimmt, das „Verhältnis zwischen Kultur und Zivilgesellschaft“ jedes Mal aufs Neue zu untersuchen, darzustellen und dadurch zu reflektieren.
Das Konzept der Manifesta ist damit zwar zunächst standortunabhängig, ist aber darauf ausgelegt sich an den jeweiligen Ausstellungsort anzupassen. Entsprechend relevant für die Metropolregion Ruhr fragt daher auch der polnische Künstler Mirosław Bałka in seiner sechsteiligen Installation „Heimat“ nach der Bedeutung des titelgebenden Begriffs. Was bedeutet „Heimat“ in einer Stadt, die von Gastarbeitern geprägt wurde, in einer Region, die sich ständig im Wandel befindet und an einem Ort, an dem heute verschiedenste Kulturen zusammenkommen? Bałka stellt diese Fragen mithilfe von sechs Neonröhren, die im Kirchenschiff unter der Decke angebracht sind, und spiegelverkehrt den Begriff „Heimat“ auf Albanisch, Arabisch, Deutsch, Polnisch, Rumänisch und Türkisch darstellen.
Bałkas Arbeit wird inhaltlich fortgeführt von Pınar Öğrencis Videoinstallation, die in der St. Anna Kirche zu sehen ist. Gezeigt wird ein 44-minütiger Film, zusammengestellt aus Archivaufnahmen der ersten Gastarbeitergeneration des Ruhrgebiets. Das Video ist mit einer Audiospur unterlegt, in der die Künstlerin die Bilder kommentiert. Die Geräusche hallen in dem offenen Kirchenschiff wider, und so wirkt das Kunstwerk raumgreifend. Eine Installation, die zum Verweilen einlädt und zu Nachdenklichkeit anregt.
Auf Interaktivität und Loslösung setzt das Werk „FAIL LOUDER“ des Kollektivs Cabosanroque. Offiziell als Klanginstallation bezeichnet, handelt es sich um ein Fußball-/ Basketballfeld, das im Kirchenraum aufgebaut ist. Kontrastreicher könnte dieses Kunstwerk nicht sein: leuchtende Farben brechen mit den zurückhaltenden Tönen der Architektur, und auch die Aufforderung zu körperlicher Aktivität ist eine deutliche Abweichung zu der eigentlichen Raumnutzung. So hat man Kirche noch nicht erlebt!
Ein Besuch der Ausstellungen sowohl in Bochum als auch den anderen Städten ist also sehr zu empfehlen – ein besonderer Tipp für den Stadtraum Bochum: die Tour mit dem Fahrrad machen! Die Route ist bestens ausgeschildert und es sind keine Umwege nötig, um alle Kirchen nacheinander zu besuchen!
MANIFESTA 16 Ruhr: 21. Juni bis 4. Oktober
In Bochum:
St. Anna: Normannenstr. 15, 44793 Bochum
Gethsemane: Amtsstr. 4A, 44809 Bochum
Christ-König: Steinring 34, 44789 Bochum
St. Ludgerus: Kaltehardstr. 98, 44892 Bochum
Alle Kirchen sind jeweils Di. bis Do., 11 bis 18 Uhr; Fr. und Sa., 11 bis 19 Uhr; So. 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. www.manifesta16.org/de