Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag des Regionalverbands Ruhr sieht das Ruhrgebiet bundesweit an der Spitze, wenn es ums Ausgehen geht. Und mittendrin: Bochum. Keine andere Stadt im Revier bietet pro Quadratkilometer so viele Diskotheken. Selbst im Vergleich mit Berlin liegt die Stadt rechnerisch auf Augenhöhe. Natürlich hat sich das Nachtleben auch hier verändert: Pandemie, Clubschließungen, neue Ausgehgewohnheiten, gestiegene Preise. Und doch lebt die Szene – zwischen Tradition und Wandel. So wie Bochum selbst. Grund genug, einen Blick auf die Clubkultur unserer Stadt zu werfen.
Auf 17 Partylocations sind wir bei unserer Recherche gestoßen. Die älteste Großraumdiskothek der Stadt steht im Bochumer Südwesten: In der ZECHE wird seit 1981 getanzt. Freitags ist an der Prinz-Regent-Straße eher die ältere Generation vor Ort: Partys finden oft nach Konzerten, vor allem von Tribute Bands statt, und schließen musikalisch möglichst an den Auftritt zuvor an. Samstags übernimmt die Generation ab 16 Jahren. „Wir sind flexibel aufgestellt und wollen für verschiedene Zielgruppen gutes Programm bieten“, sagt Geschäftsführer Claus Dürscheidt, dessen Vater die Zeche mitgegründet hat.
Der BAHNHOF LANGENDREER im Bochumer Osten feiert am 29. August 40-jähriges Bestehen. Als Kulturzentrum verbindet die Location Wort und Bühne, Politik und Gesellschaft sowie Musik und Partys. „Es überrascht mich nicht, dass Bochum als diverse Unistadt in Sachen Clubbing auf Platz eins steht“, meint Stefanie König, die für die Partys im Bahnhof zuständig ist: „Die Partykultur hat sich verändert, aber wir halten die Augen offen.“ So reichen die Partyformate am Wallbaumweg 108 von Oldie Nights und Indie Classics über Studifeiern und Gothic Sounds bis zu LGBTQ+.
Nicht weit entfernt an der Hauptstraße 200 liegt die MATRIX, die seit 1998 besteht. Der 1978 eröffnete Rockpalast im gleichen Gebäude ist Teil der mehrräumigen Veranstaltungslocation im ehemaligen Müserturm. Neben Rock stehen weiterhin EDM- und Gothic-Partys auf dem Programm, inzwischen ergänzt durch 90er-, Studierendenund Themenabende. Sogar sonntags ab 16 Uhr wird gefeiert. Zum Konzept zählen außerdem Konzerte, Lesungen und mehr. „Wir wollen Vielfalt, aber keinen reinen Mainstream“, so Geschäftsführer Dirk Zimmer. Mit rund 4000 Quadratmetern steht mit dem PRATER im Norden die größte Disco der Stadt. Seit 1990 stehen an 110 Öffnungstagen an der Dorstener Straße 45 wechselnde Mottopartys auf dem Programm – von Flirtparty über Ballermann und EDM bis 90er und Latino. Dazu kommen Liveauftritte und bekannte DJs. Aufgeteilt ist der Prater in vier Clubs, in denen, abgesehen vom jeweiligen Motto, Pop, Hip-Hop, Schlager und Partyhits bedient werden. „Hier feiern drei Generationen unter einem Dach“, sagt Hendrik Büchten aus der Geschäftsleitung.
Im Bermuda3Eck pulsiert das Nachtleben an vielen Stellen. Aus dem früheren Riff wurde 2023 das GLEIS 9 mit hybridem Konzept aus Disco und soziokulturellem Raum. In der kleinen Halle findet sich der Club 200, der eng, hitzig und exklusiv daherkommt. In der Main Hall steigen vorzugsweise Konzerte, vielfältige Events und Mottopartys. „Du musst den Leuten heutzutage was bieten, damit sie ausgehen: Es braucht ein Happening“, findet Geschäftsführer Mounzer El-Chakif. Direkt daneben am Kulturgleis liegt seit 2017 die ROTUNDE, die sich ebenfalls breit aufgestellt hat und auch ein kulturelles Programm bedient. Im ehemaligen Katholikenbahnhof wird aber vornehmlich gefeiert, zuletzt vor allem zu Queerbeatz, Techno, House, Pop, Dancehall und Ü60-Feten. „Unsere Location hat ein besonderes Flair und ein tolles Team“, erzählt Geschäftsführer Sven Nowoczyn.
Ein Stückchen weiter liegen an der Viktoriastraße mit der TROMPETE und dem Sachs zwei Clubs fast nebeneinander. Die Trompete ist 2014 aus dem Wunsch heraus entstanden, einen alternativen Raum für Liveclubkultur zu etablieren. Hier wird vor allem Gitarrenmusik verschiedener Genres, Hyperpop und Hip-Hop gespielt. Auch die legendären „Goldene Zeiten“-Partys sind hier zu Hause, Livekonzerte und Studipartys am Donnerstag gehören ebenso dazu.
Nebenan im SACHS legen die DJs Charthits auf. Die im Vergleich eher kleine Location ist immer ordentlich gefüllt, die Atmosphäre entsprechend mitreißend. „Der Name Sachs ist eine Instanz in Bochum und hat sich als Synonym für gute Stimmung etabliert. Wir
gehen mit der Zeit, ohne unsere Wurzeln zu vergessen“, sagt Betriebsleiter Felix Wallich. Seit mehr als 30 Jahren ist das ehemalige Café Sachs ein beliebter Treffpunkt, 2009 wurde es zum heutigen Club. Am Wochenende ist das Publikum ab 21 Jahren bunt gemischt. Donnerstags feiern vor allem Studierende im Sachs, neuerdings wird schon ab 21 Uhr mit der 120-Minuten-Party im Boiler-Room-Style gestartet.
Der wohl jüngste Club Bochums ist der KLUB KURT, früher Raum Eins und Schumacher Club. Seit September 2025 wird hier im Keller auf 300 Quadratmetern vor allem Elektro und House gespielt, ohne Handykameras, oft bis in die Morgenstunden. Es ist klein, aber fein am Kurt-Schumacher-Platz 1. „Wir sind ein Ort, wo viele verschiedene Menschen zusammenkommen“, sagt Mitwirkender Daniel Keller. Auch der SCHLEGEL KULTUR CLUB am Willy-Brandt-Platz 5 verbreitet intime Atmosphäre und setzt – neben kulturellen Veranstaltungen – auf elektronische Nischenmusik. Bis zu 200 Leute passen in die 2022 eröffnete frühere Schlegel-Brauerei-Küche. Teils legen hier international gefeierte DJs wie Lars Eidinger oder DJ Hell auf. „Die Clubkultur ist ein wichtiger Teil der Stadt“, meint Geschäftsführer Felix Hauschulz.
Altbewährt geht es im NEW ORLEANS am Südring 11 daher. Im 1965 eröffneten Tanzclub dröhnen vor allem Oldies und Evergreens aus den Boxen. Oft gehört der sogenannte „Zombiekeller“ zu den letzten Orten, die Feierabend machen. In der PARTYARENA an der Herner Straße 36 stehen Partykracher aller Genres auf der Playlist, dazu Mottopartys mit Ballermann-Hits oder Latinomusik. Hier wird wild gefeiert. Auch abseits klassischer Clubs flammt das Nachtleben auf: im EVENTCENTER an der Rombacher Hütte mit Tarm-Center-Throwbacks, im HEAVEN Wattenscheid, im ROUGE SHOWPALAST mit Raves und Schlagerpartys, im WAGENI mit Punkmusik oder im ALIA mit polnischen Partys. Egal, welcher Feiertyp: Wer wissen will, warum das Ruhrgebiet beim Ausgehen ganz vorne liegt, muss nur eine Nacht in Bochum verbringen.
