Dass man in Büchereien mittlerweile mehr als nur Bücher und Zeitschriften ausleihen kann, zeigt die Bibliothek der Hochschule Bochum sehr eindrucksvoll. Hier gibt es seit Anfang März zum zweiten Mal die Möglichkeit, Saatgut „auszuleihen“ für Gemüse, Blumen und Kräuter. Das Projekt „BO in Bloom“ wurde im März 2024 von Bibliothekarin Nicole Gerling fertiggestellt, die in der Hochschulbibliothek der Hochschule Bochum arbeitet. Das Thema Saatgutbibliothek kursiert schon seit einigen Jahren durch die öffentlichen Büchereien, zum Beispiel gibt es eine in unserer Nachbarstadt Hattingen. In 2023 wurde die Idee dann von Marcus Schulte aufgegriffen, dem Bibliotheksleiter der Hochschule, da das Thema sehr gut zum Nachhaltigkeitsgedanken der Einrichtung passt. Aufgrund ihrer Affinität zu diesem Thema übernahm Nicole Gerling die Planung und Umsetzung des Projektes.
Zu Beginn hat sich die Bibliothekarin innerhalb der Hochschule vernetzt mit der Nachhaltigkeitsmanagerin Anna Skorka sowie Johannes Tangen, Gartenpädagoge für die BOase und Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Von ihnen gab es wertvolle Tipps zur Auswahl der Pflanzensorten. Es wurden solche ausgesucht, die sich gut für den Balkonanbau eignen, zum Beispiel in Kübeln oder Balkonkästen, denn die meisten Studierenden haben keinen eigenen Garten. Zudem wurden eher Gemüse- und Blumensorten ausgewählt, die einen kleinen Wuchs haben und nicht zu tief wurzeln. Weitere wichtige Eigenschaften des Saatguts sind der hohe Qualitätsstandard (Demeter, Bioland oder Bio-Siegel), eine gute Keim- und Nachbaufähigkeit, Insektenfreundlichkeit und Regionalität.
In 2024 war das Projekt bereits ein voller Erfolg. Die 40 Sorten, verpackt in etwa 1.500 Tütchen, waren Mitte des Jahres so gut wie abgegriffen. In diesem Jahr wurde das Angebot durch Kooperationen sogar erweitert. Neben 16 Gemüse-, zehn Kräuterund zehn Blumensorten (hier sind übrigens außer den Blumenmischungen alle Blüten essbar) hat die Rooftop Farm der Hochschule Saatgut von sechs verschiedenen Chilisorten beigesteuert, und in der Fachbibliothek am Gesundheitscampus gibt es zudem zwölf Sorten Heilkräuter. Die Idee zum Ableger am Gesundheitscampus kam dadurch zustande, dass sich die Hochschule für Gesundheit und die Hochschule Bochum Anfang des Jahres zusammengeschlossen haben und das Thema Heilkräuter somit prädestiniert war für den Gesundheitscampus. Die Rooftop Farm „OnTop“ ist Teil einer Projektstudie zur Angewandten Nachhaltigkeit. Hier werden verschiedene Anbaumethoden für die urbane Landwirtschaft untersucht. Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Flächen versiegelt werden und gleichzeitig immer mehr Menschen ernährt werden müssen, könnte das Urban Farming in Zukunft eine große Rolle spielen, um das Mikroklima in den Städten zu verbessern, Lebensraum für Insekten zu schaffen und dabei Nahrungsmittel zu produzieren. In der Hochschule wird das geerntete Gemüse übrigens an die Studierenden verteilt.
Neben der Rooftop Farm mit der fantastischen Aussicht ist beim Saatgutprojekt auch der Hochschulgarten „BOase“ involviert durch die Erstellung des Aussaatkalenders. Das etwa 570 Quadratmeter große Areal zwischen Mensa und Geothermiezentrum ist Teil des Projektes „Nachhaltige Hochschule“ und wird nach dem Prinzip der Permakultur betrieben, ein ganzheitliches Konzept zur Verbindung von sich selbst erhaltenden, nutzbaren Ökosystemen mit Mensch und Tier. Im Gegensatz zum Dachgarten ist die BOase für jedermann zugänglich, und wer sich einbringen möchte, kann dienstags um 12:30 Uhr zum offenen Gartentreff kommen.
Aber zurück zur Saatgutbibliothek, die übrigens für alle verfügbar ist, nicht nur für die Studierenden und Mitarbeiter der Hochschule. Wer den Weg mit der U35 zum Lennershof und den kurzen Fußweg zur Hochschule auf sich nimmt, wird belohnt mit so klangvollem Saatgut wie dem Mangold „Rainbow“, der Roten Bete „Robuschka“, dem Radieschen „French Breakfast 2“, dem Schnittlauch „Schmitt“ oder dem Oregano „Hera“. Wer da nicht zugreift, ist selbst schuld …
