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Noch´n Gedicht

RUB-Projekt: Eine Online-Karte verortet die Ruhrgebietsliteratur

„Bochum? – Das gibt es doch gar nicht.“ Diesem falschen Vorurteil, viel später über eine etwa gleichgroße Stadt in der Region Ostwestfalen-Lippe gefällt und große Popularität erlangt, sah sich Saladin Schmitt konfrontiert, als er 1919 als Regisseur und Theaterintendant in Freiburg verabschiedet wurde und nach Bochum kam.   

Dass es Bochum überhaupt gibt, daran haben dreizehn Studierende der Literaturwissenschaften an der RUB keinen Einfluss. Daran, dass Bochum und das Ruhrgebiet nun kein weißer Fleck mehr auf der literarischen Landkarte sind, hingegen schon. Mit ihrer Literaturkarte Ruhr machen sie Geburts- und Aufenthaltsorte sowie Ruhestätten von Autoren, Schauplätze von Romanen und literarische Institutionen sichtbar. Es ist die erste, die einen Überblick der Ruhrgebietsliteratur auf einer Karte anbietet, und die dazu noch interaktiv ist.

„Es ist ja vielen Leuten gar nicht bekannt, was es an Ruhrgebietsliteratur gibt“, stellt Philip Behrendt fest. Abgesehen vielleicht von Frank Goosen und Oliver Uschmann. Und Sofie Mörchen fügt hinzu: „Wenn man an das Ruhrgebiet denkt, denkt man nicht unbedingt an Literatur. Da denkt man immer noch an Bergbau. Wenn man aber anfängt zu recherchieren, stellt man schnell fest, was für eine Menge an Literatur hier entstanden ist.“ Das hatten die beiden mit ihren Kommilitonen und ihrer Dozentin Dr. Stephanie Heimgartner zwar schon vermutet, dass es dann aber doch so viel ist, habe sie etwas überrascht.

Bei einem nicht unerheblichen Teil der gefundenen und kartographierten Literatur handelt es sich um Werke von Arbeiterdichtern, die über ihr Erlebtes und ihre Lebens- und Arbeitsumwelt poetisch schreiben. „Das gibt es im Ruhrgebiet ganz oft, dass die Menschen im Bergbau tätig waren und das Schriftstellerische so nebenbei gemacht haben.“ Hier kann also durchaus von einem feinfühligen Poeten gesprochen werden, gefangen in dem Körper eines Kohlekumpels. Aber auch abseits der Bergarbeiterdichtung, in der Zeit davor und danach, hat das Forschungsprojekt einiges an Literatur zusammengetragen, in die sich politische und gesellschaftliche Entwicklungen eingeschrieben haben. Durch die zeitliche Einteilung der Karte lasse sich diese Entwicklung von den Anfängen des Ruhrgebiets über Bergbau, Industrialisierung und Strukturwandel bis heute nachvollziehen.

„Auf der Onlinekarte kann man genau sehen, was es mit den Markierungen auf sich hat“, sagt Philip Behrendt. Teilweise sind es kurze Wiedergaben des Romaninhalts, teilweise Angaben, was der Ort in dem jeweiligen Roman genau für eine Bedeutung hat. „Man soll auf die Karte gucken und genau zu diesem Ort hingehen können“, ergänzt Sofie Mörchen.

Dass Bochum mit bisher insgesamt 37 Markierungen auf der Literaturkarte Ruhr teilweise weit vor den großen Nachbarstädten liegt, ist so schmeichelhaft wie dem Umstand geschuldet, dass es mit den beiden genannten zwei sehr aktive zeitgenössische Autoren gibt, die eine große Schwerkraft ausüben. Und dass Bochum der Ausgangspunkt der Forschung war. Das Projekt ist aber noch nicht endgültig abgeschlossen. Die Literaturwissenschaftler freuen sich über weitere Vorschläge und Literaturhinweise, die sie in ihrer Karte verorten können.

www.literaturkarte.ruhr


Text: Sven Berger
Foto: Lara Ingenbleek – www.ingenbleek.photography

Dieser Artikel ist in der BOMA-Ausgabe im Juni 2016 erschienen.


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