Mittendrin im Geschehen

Mittendrin im Geschehen Das Theater der Gezeiten zeigt sich wandlungsfähig

Manche Sachen erschließen sich einem auf den ersten Blick. Wie zum Beispiel das Theater der Gezeiten an der Schmechtingstraße. Hier gibt es einen Superlativ der besonderen Art, denn bei Bochums kleinster Bühne kann man das komplette Theater mit einem Blick erfassen. Und genau das macht seinen Charme aus – die Nahbarkeit. Man betritt von der Tür aus direkt den Zuschauerraum, die Bühne liegt genau gegenüber, und links steht die schöne hölzerne Bar, ein Überbleibsel der früheren Nutzung als Eckkneipe. Man ist damit sofort mittendrin im Geschehen und ganz nah dran an den Künstlern, mit denen man in der Pause gerne mal gemeinsam am Tresen ein Pils trinkt.

Fernab von Schickimicki und Chichi werden auf der Bühne die unterschiedlichsten Programme präsentiert vom Figurentheater bis zur improvisierten Musik mit selbst gebauten Instrumenten. Und zwar immer nach dem Prinzip „Jeder gibt, was er möchte und kann“. Am Ende jeder Vorstellung geht ein Hut herum, und jeder soll zwar einen Obolus entrichten, aber die Höhe ist frei wählbar. So kann sich wirklich jeder Theater leisten, auch wenn vielleicht das Geld knapp ist. Das Gleiche gilt für die Getränke am Tresen, die keinen festen Preis haben. Das Prinzip gilt seit Anfang 2019, und somit leistet das Theater einen wichtigen Beitrag dazu, dass Kultur für jedermann erschwinglich sein sollte. Finanziell unterstützt wird das Theater, das seit Ende 2019 als Verein eingetragen ist, dabei durch die Stadt Bochum. Die Miete und ein Teil der Nebenkosten sind somit abgedeckt.

Akordeon

Natürlich hat die Corona-Pandemie auch beim Theater der Gezeiten für Einschränkungen gesorgt. Der Betrieb musste, wie überall, monatelang eingestellt werden und läuft jetzt langsam wieder an (Stand Anfang Juni). Normalerweise ist im Theater Platz für 30 bis 35 Personen, doch durch die zurzeit geltenden Beschränkungen können maximal zehn bis 14 Stühle aufgestellt werden. Daher arbeitet das Team zurzeit an einem Konzept, um den 250 qm großen Innenhof zu bespielen. Hier wären dann maximal 25 Zuschauer möglich. Auch an neuen Programmpunkten wird gearbeitet. Neben dem bereits etablierten Musikprogramm „So long, Leonard Cohen“ soll demnächst auch eine Hommage an Jim Morrison aufgeführt werden. Ebenso soll es ein von der Stadt gefördertes Stück geben mit dadaistischen Sketchen des russischen Schriftstellers Daniil Charms. Und auch die im Februar gestartete Singer/Songwriter- Reihe „Der gute Ton“ soll bald wieder starten. Alle Beteiligten scharren schon mit den Hufen und können es kaum erwarten, wieder loszulegen.

Auch als Treffpunkt für die gesamte Speckschweiz möchte sich das Theater zukünftig etablieren. Ein paar Häuser neben dem Theater an der Schmechtingstraße betreibt der Theaterverein nämlich noch das ungewöhnlichste und kleinste Museum der Stadt. Die TINYrooms sind untergebracht in den Schubladen eines ehemaligen Kurzwarenschrankes und beinhalten zurzeit 56 Arbeiten, zumeist von Bochumer Künstlern, die aus den unterschiedlichsten Sparten stammen, zum Beispiel Literatur, Malerei, Architektur und Bühnenbildnerei. Genauso unterschiedlich sind auch die Schubladen gestaltet. Von einer Karikatur über einen Mini-Ausstellungsraum mit winzigen Besuchern bis hin zur beleuchteten Unterwasserwelt ist alles dabei – mal lustig und bunt, mal verstörend und dunkel. Ein Museum zum Anfassen. Aber nicht nur die TINYrooms sind in dem ehemaligen Ladenlokal untergebracht. Im Schaufenster und an den Wänden können noch unbekannte Künstler ihre Arbeiten ausstellen und auch eine Bibliothek zur Theaterliteratur, die aus dem Fundus von Giampiero Piria und Peter Dieling stammt, soll den Besuchern zugänglich gemacht werden. Zusammen mit den gemütlichen Polstermöbeln soll dann für die Nachbarn und Besucher ein „Gesprächshafen“ entstehen aus Museum, Bibliothek und Aufenthaltsraum. Wieder einmal ein schönes Beispiel für die Wahrheit des Mottos der Metropole Ruhr „Wenn, dann hier“!

 

Text: Bettina Kersting

Theater der Gezeiten

Schmechtingstraße 38-40

44809 Bochum

www.theaterdergezeiten.de

Theater und Bühnen Bochum: Kultur pur

Das Bochumer Schauspielhaus kennen viele. Seit Jahrzehnten gehört es zu den ersten Adressen im deutschsprachigen Raum. Ein weites Stadttheater-Repertoire mit Mut zum Ausprobieren zeichnet den Musentempel aus. Doch Bochum kann mit dem Prinz Regent Theater und dem Rottstr5-Theater weitere Spielstätten aufbieten, die einfallsreich und mit vollem Einsatz die Kulturlandschaft bereichern.

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