Ein Bochumer Wahrzeichen wird 150

Glocke der Superlative Ein Bochumer Wahrzeichen wird 150

Man möchte es kaum glauben, aber die Bochumer Gussstahlglocken wurden nicht immer von allen bewundert. Beim ersten großen öffentlichen Auftritt einer Gussstahlglocke auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1855 wurde tatsächlich ihre Echtheit angezweifelt und behauptet, dass es nicht möglich sei, eine Glocke solchen Ausmaßes aus Gussstahl herzustellen.

Jacob Mayer, der Erfinder des Formgussverfahrens für Gussstahl, musste seinerzeit höchstpersönlich aus Bochum anreisen und den Zweiflern, darunter auch Alfred Krupp von der Konkurrenz aus Essen, die Echtheit der Glocke demonstrieren. Am Ende gaben sich die Kritiker geschlagen, und Jacob Mayer erhielt den preußischen Kronenorden sowie den Friedrichsorden. Zwölf Jahre später durfte dann die jetzige „Rathaus-Glocke“ die zweite Weltausstellung in Paris einläuten und wurde mit der Goldmedaille ausgezeichnet.

Nach ihrer Rückkehr aus Paris stand die Glocke bis in die 1970er-Jahre als Denkmal vor dem Walzwerk Höntrop an der Essener Straße, bevor sie einer Straßenerweiterung weichen musste. 1979 wurde sie von der Firma Krupp, die den Bochumer Verein übernommen hatte, der Stadt Bochum geschenkt und hat seitdem ihre Heimat vor dem Bochumer Rathaus. Sie ist eine der ältesten erhaltenen Gussstahlglocken und mit einem Durchmesser von 3,13 Meter sowie einem Gewicht von 15 Tonnen bis heute eine der größten, die jemals gefertigt wurden. Eine Glocke der Superlative! Ihren Siegeszug traten die wohlklingenden Gussstahlglocken im Rahmen der Industrialisierung des Ruhrgebietes an, da es viele Kirchenneugründungen gab und die Kosten nur etwa die Hälfte von denen einer Bronzeglocke betrugen. Auch gab es im Jahre 1858 einen päpstlichen Erlass, der besagte, dass auch Glocken aus Gussstahl geweiht werden durften.

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Im Innenhof des Bochumer Rathaus ist übrigens ein weiterer Superlativ versteckt: Im Turm über dem Trauzimmer hängt die Nachbildung des weltweit ersten aus Gussstahl hergestellten Glockenspiels. Nach der Zerstörung des Originals im Zweiten Weltkrieg wurde es 1951 erneuert und besteht heute aus 28 Glocken mit Einzelgewichten zwischen vier und 375 Kilogramm. Es wird regelmäßig gespielt, unter anderem erklingt das Steigerlied, „Freude schöner Götterfunken“, „Yesterday“ und „Alle Jahre wieder“. Bis 1915 soll der Bochumer Verein übrigens weltweit der einzige Hersteller von Gussstahlglocken gewesen sein, und bis zur Einstellung der Produktion im Jahre 1970 verließen etwa 38.000 Gussstahlglocken das Werk, darunter rund 20.000 Signal- und 18.000 Kirchenglocken. Ein vier Tonnen schweres Schmuckstück aus dem Jahre 1957 wurde Ende letzten Jahres wieder öffentlich zugänglich gemacht: Die originale Glocke der Marienkirche hängt seit der Eröffnung des neuen Anneliese Brost Musikforum Ruhr gut sichtbar im Foyer. Eine Tonaufnahme der in b-Moll klingenden Glocke dient als Pausengong. Sie trägt die Aufschrift „Gerechtigkeit schafft Frieden“, das Motto des Bochumer Kirchentages von 1949. Da verschlägt einem die Aktualität der Aussage fast die Sprache ...

Bettina Kersting

Dieser Artikel ist in der BOMA-Ausgabe Juli/August 2017 erschienen.

Glocke vor dem Rathaus Bochum

Willy-Brandt-Platz
44777 Bochum

www.bochum.de 

Rathaus Bochum Die Glocke der Superlative steht unmittelbar vor dem Bochumer Rathaus. Es gehört zu den wichtigsten Repräsentativbauten des Ruhrgebiets und steht unter Denkmalschutz.

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