Gartenzwerge verzweifelt gesucht

Gartenzwerge
 verzweifelt 
gesucht Vom Laubenpieper und seinen Vorlieben in der modernen Kleingarten-Kolonie

Geplant für diese Ausgabe war eine Titelgeschichte über den vermeintlich liebsten Freund des Laubenpiepers – der Gartenzwerg. Aber schon ein Anruf beim Stadtverband Bochum der Kleingärtner e.V., um die schönste Sammlung weißbärtiger MiniZipfelmützenträger ausfindig zu machen, bringt schockierend Überraschendes: 1. Der Laubenpieper ist kein Vogel, der sich zwitschernd vornehmlich in oder auf einem Bretterverschlag aufhält. Er ist überhaupt kein Vogel. 2. Den Laubenpieper gibt es gar nicht. Nicht mehr. Er ist nicht ausgestorben, er heißt bloß anders – Kleingärtner. 3. Gartenzwerge sind eine Illusion. Ein Klischee. Ein Mythos. Ein Fall für eine Mystery-Fernsehserie.

An die Absenz von Gartenzwergen nicht glauben wollend, ist mit der Kleingartenanlage „Am Frohen Blick“ ein Ort der Nachforschung gefunden. Mit der Information, hier seien noch Parzellen (in Fachkreisen auch Scholle genannt) frei, wächst die Hoffnung, hier könnten Gartenzwerge eine Zuflucht gesucht und gefunden haben. Wenn nicht in einem Kleingarten, wo dann? In Hamme, hinter dem Westpark gelegen, hat Peter Zaremba seit 35 Jahren ein kleines grünes Pachtstück mit Laube. Mehr als die Hälfte dieser Zeit ist er Vorsitzender der Anlage. „Wer bei uns eine Parzelle haben will, der muss sich bewerben“, verweist er auf das dafür vorgesehene Formular in seiner Hand; auf dem der Beruf, das Vorhandensein und ggf. die Anzahl der Kinder, Alter und weitere Daten abgefragt werden. Wenn sich hier „Am Frohen Blick“ ein Gartenzwerg dauerhaft aufhalten sollte, Peter Zaremba müsste es wissen. Alle Bewerbungen gehen über seinen Schreibtisch. Der Verein entscheidet dann, welcher Bewerber am besten passt.

Florales und agrarkulturelles Interesse, ein grüner Daumen oder eine rote Zipfelmütze können einer erfolgreichen Bewerbung nicht schaden, sind jedoch keine Voraussetzung. „Wenn einer nur grillen und feiern und aus der Parzelle einen Spielplatz machen will, hat sich das schon erledigt.“ Alleine nur für die Freizeitgestaltung sei der nicht gedacht. „Einige haben für die Kinder eine große Rutsche oder einen Swimmingpool mit Sprungbrett und Umwälzanlage in den Garten gestellt. Das gehört hier doch gar nicht hin!“

Die Regeln hat nicht Peter Zaremba gemacht, er gibt sie bloß weiter, vom Stadtverband. Damit auch jeder weiß, wie die Regeln sind, und sich niemand herausreden kann, er wüsste von nichts, bekommt jeder aufgenommene Kleingärtner die Satzung in Form eines kleinen grünen Büchleins ausgehändigt. Sie muss nicht immer bei sich getragen, aber stets berücksichtigt werden: Die überdachte Fläche des Gartenhäuschens darf nicht mehr als 24 qm betragen, ein Gewächshäuschen nicht größer als acht qm sein, ein Drittel der Fläche muss zumindest im Ansatz erkennbar als Anbaufläche genutzt werden, die Mittagsruhe ist einzuhalten, am Wochenende darf der Rasen nicht gemäht werden. Das mag sich reglementierter anhören, als es tatsächlich ist.

Sein Grundstück kann jeder so gestalten und nutzen, wie er will.

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Wichtig sei nur, dass er seinen Nachbarn nicht störe.

Nicht minder wichtig ist die Beteiligung an der Gemeinschaft. „Man muss sich am Verein beteiligen, bei Sommer- und Kinderfesten.“ Und Pflegestunden leisten. 18 Stunden im Jahr für die Pflege der Gemeinschaftsflächen. Das sind drei Stunden alle zwei Monate. „Das muss auch gewährleistet sein.“

Darauf wird schon bei der Bewerbung geachtet. Wenn sich eine Familie eine freie Parzelle ansehen kommt und die Frage: „Wer soll sich um die Gartenpflege und die Pflege der Gemeinschaftsflächen kümmern?“ beantwortet wird mit „Die Oma!“ – die sich mit beiden Händen am Rollator festhält, dann durchschaut Peter Zaremba sofort, dass das nicht funktionieren kann. Auch sonst kenne er seine Pappenheimer, die gar nicht erst zum anstehenden Pflegetermin erscheinen. Oder sich nach Ankunft drei Stunden an ihrem Gartengerät festhalten, ohne es zu benutzen bzw. sich mit einem Fläschchen Bier auf eine Parkbank zurückziehen.

„Es geht ja nur, dass man an der Gemeinschaft teilnimmt, dass die Pflegestunden geleistet werden, und dass die Parzelle sauber ist. Das ist maßgebend.“ Und das ist machbar.

Machbar ist auch die Pacht für eine Parzelle 24 ct/qm. Ab 30 Euro/mtl. auch bequem als Ratenzahlung möglich. „Viele Bewerber, die jetzt kommen, sind Camper“, beobachtet Peter Zaremba. Ihnen wird der Stellplatz für ihren Wohnwagen mit der Zeit zu teuer, der im Vergleich zwei bis drei Mal so hoch liegt. Er beobachtet auch einen Unterschied in der Nutzung der Kleingärten. Früher wurde die Parzelle mehr für den Anbau und den häuslichen Gebrauch genutzt. „Wenn ich heute manchmal irgendwo reinkomme, meine ich, ich wäre in einem Wohnzimmer. Heute geht das etwas mehr in die Freizeit rein.“ Das sei auch in Ordnung so, solange zumindest noch erkennbar sei, dass ein Teil des Gartens als Nutzfläche genutzt wird.

Trotz intensiver Suche, konnte kein einziger Gartenzwerg ausfindig gemacht, nicht einmal Spuren von ihm sichergestellt werden. Ebenso wenig lassen sich Gründe für sein Nichtdasein finden. Die strengen Regeln können ihn nicht abschrecken, so streng sind sie gar nicht. Die Pacht für eine Parzelle auch nicht. So hoch ist sie gar nicht. Selbst, wenn sie entführt oder geklaut worden wären, müssten sie irgendwo sein.

Vielleicht waren sie nie da. Vielleicht hat es sie nie gegeben.

Sven Berger

Dieser Artikel ist in der BOMA-Ausgabe Mai 2016 erschienen.

Am Frohen Blick

Am Frohen Blick
44793 Bochum

Stadtverband Bochum der Kleingärtner e. V.
www.kgv-bochum.de 

Stadtpark Bochum Wer selbst nicht in einem Kleingartenverein ist, aber die Natur in Bochum bewundern möchte, der kann die verschiedenen Gärten und Parks in Bochum erkunden. Einer von diesen ist der Stadtpark Bochum, der älteste Landschaftsgarten im Ruhrgebiet.

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