Filmtheater-Tradition im Bermuda3Eck

Filmtheater-Tradition im Bermuda3Eck Kinoportrait Union Kino

Früher gab es ihn auf Zelluloid, heute kommt er als Gigabyte auf einer Festplatte ins Kino – an der Begeisterung für den Film hat sich über die Jahre jedoch nicht viel verändert. „Das schöne ist einfach, dass man im Kino im Grunde genommen Träume verkauft“, bringt es Kerstin Schneider auf den Punkt. Zusammen mit ihrem Mann Helmut W. Schneider betreibt sie das Union Filmtheater im Bermuda3Eck.

Rund 2.500 Meter Zelluloid, verteilt auf fünf Rollen und 20 Kilogramm Gewicht, musste Filmvorführerin Elvira Hölz früher pro Film hin und her schaffen, um die bewegten Bilder auf die Leinwand zu bringen. Heute kommen die Filme sehr viel kompakter vom Verleih nach Bochum. Dazu noch ein digitaler Schlüssel für die im Schnitt 700 Gigabyte, und der Vorstellung steht nichts mehr im Wege. Nicht nur Transport- und Lagerkosten werden so gespart. Früher eilte Elvira Hölz durch jeden der sieben Säle, um die Filme manuell zu starten, heute hat sie das Theater Management System im Griff, mit dem sie zentral die Vorstellungen steuert.

Mit 17 Jahren kam sie zum Kino, in diesem Jahr wird sie 58 und ist die einzige Filmvorführerin in Bochum. „Ich liebe die ganze Atmosphäre hier“, sagt sie. Helmut W. Schneider ergänzt: „Wenn man einmal am Zelluloid gerochen hat, kommt man nicht mehr davon los.“ So konnten er und seine Frau Elvira Hölz auch überzeugen, mit ihnen und dem Filmtheater Ende der 90er Jahre den Sprung ins Ungewisse zu wagen.

Nach Schließung des ehemaligen Kinos in dem Gebäude der Firma Lueg waren Pläne für eine Umnutzung gescheitert. Die Bochumer hatten sich erfolgreich gegen eine Erlebnisgastronomie in dem Traditionshaus gewehrt. Zum Glück für Familie Schneider: Sie konnte den Inhaber davon überzeugen, das Kino weiter zu betreiben, bis über die endgültige Nutzung des Hauses entschieden wurde. Die ehemalige Übergangslösung geht bald in ihr 15. Jahr. Die Schneiders entwickelten zusammen mit Lueg ein Konzept und brachten 2000 die Kernsanierung des alten Kinos voran. Aus zehn Sälen wurden sieben, dafür wurden Leinwände vergrößert und das Foyer erneuert. Auch von den alten Projektoren trennte man sich.

Heute ist das Union Filmtheater aus dem Bermuda3Eck nicht mehr wegzudenken und lebt mit den anderen Bochumer Kinos in einem gesunden Wettbewerb.

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betont Kerstin Schneider. Dazu gehören auch Filmnächte und andere außergewöhnliche Veranstaltungen, Originalfassungen ohne Untertitel und Filme ausschließlich in 2D. Bei der Zusammenstellung des Programms spielen viele Kriterien eine Rolle. Wenn die beiden auf Messen fahren, gucken sie in vier Tagen zusammen schon einmal 30 bis 35 Filme. „Bei manchen Filmen muss man dabei sein“, sagt Kerstin Schneider, aber es muss auch immer vom Gefühl her stimmen und zum Kino passen. Im Prinzip sollte man sich genau die Streifen angucken, „die man nicht kennt und die man vielleicht nicht spielen will“, meint ihr Mann.

Gibt es deutschlandweit nur 40 oder 50 Kopien eines Films, liegt die Entscheidung über die Verteilung aber auch mal beim Verleiher selbst, damit der Film in einem passenden Kino auf die Leinwand kommt. Bewerben sich mehrere Häuser aus Bochum um einen Film, kann es sein, dass der Verleiher beim ersten Mal dem einen Kino den Vorzug lässt und beim nächsten Film dem anderen. Bei Blockbustern mit hohen Auflagen besteht hingegen eine Belieferungspflicht.

Kerstin und Helmut W. Schneider haben nach so vielen Jahren in Bochum ein gutes Gespür dafür entwickelt, was ihr Publikum sehen möchte. Manchmal holen sich die Gäste sogar Tipps, obwohl man damit „auch auf die Nase fallen kann“, lacht Elvira Hölz. Die Geschmäcker sind eben verschieden. Ihr Chef sieht das Filmtheater als soziokulturelle Aufgabe: „Ich finde es total spannend, nach welchen Kriterien die Menschen ins Kino gehen und wie sie miteinander umgehen, wenn sie ins Kino gehen.“ Überraschungen erlebt er dabei immer wieder; zum Beispiel wenn sich eine 86-jährige Dame nach 16 Jahren wieder ins Kino locken lässt – für den neuesten Tarantino-Western.

Hannah Schoenenberg

Dieser Artikel ist in der BOMA-Ausgabe September 2014 erschienen.

Kontakt & Adresse

Union Filmtheater
Kortumstraße 16
44787 Bochum
T 0234-3389103

www.kino-bochum.de

Filmfans aufgepasst! Kinofreunde kommen in Bochum nicht zu kurz: Vom kleinen Programmkino über gemütliche Innenstadtkinos bis hin zum großen Kinotempel ist für jeden Geschmack etwas dabei.

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