Das Gewissen Europas

Das Gewissen Europas 2015 wurde der Platz des europäischen Versprechens eingeweiht

Wenn Thomas Wessel, Pfarrer der Christuskirche, aus seinem Büro guckt, sieht er „eine neue Figur im öffentlichen Raum“, die es bis vor einem Jahr noch gar nicht gab: Kopf nach unten gebeugt, in sich versunken, langsam immer einen Schritt weiter zurückgehend. Und lesen. Und lesen und lesen und lesen und lesen. Das habe schon fast etwas Spirituelles. Manchmal auch etwas Trauriges. Wenn er Menschen mit einem Taschentuch dort stehen und weinen sieht. Menschen, die 2015 ein Versprechen an Europa gegeben haben. Ein stilles Versprechen an sich selbst. Die nun ihrer eigenen Geschichte begegnen.

„Sich selbst ein Versprechen zu geben, hat eine Verantwortungstiefe, die das eigene Leben umgreift. Man ist der einzige Bürge seines Versprechens“, sinniert Thomas Wessel. Eines persönlichen Versprechens, das nicht die Möglichkeit biete, sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Weil es nicht so allgemein sei, müssen sich die Geber der Versprechen zu sich selbst verhalten. Sich selbst reflektieren und hinterfragen. Diese Gewissensbildung sei „eine Form, die den Einzelnen sehr ernst nimmt. Es ist entscheidend, was du dir in deinem Kopf für Gedanken machst.“

Es ging nicht darum, möglichst viele Menschen vor einen Slogan zu spannen, sondern um eine „unübersichtliche Vielstimmigkeit“. Die Versprechen, die sich jeder selbst gegeben hat, sind still, nicht geheim. Es gibt kein Archiv der Versprechen. Wenn man sie lesen möchte, müsse man die Namen der 14.726 Menschen aus 1.300 Städten in Europa lesen. Und sich vorstellen, was sich die Menschen versprochen haben könnten.

Der Platz des europäischen Versprechens nimmt seinen Ausgangspunkt in der Gedenkhalle der Christuskirche. Von dort fließt er in den öffentlichen Raum hinein.

Mich hat dabei begeistert, dass eine neue Form des öffentlichen Raums entsteht.

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Wo deutlich werde, dieser Raum gehört allen, die ihren Namen gegeben haben.

Das, was der Konzeptkünstler Jochen Gerz mit dem ursprünglich benannten „Platz der Kulturen“ gemacht hat, gab es schon vorher mit dem Konzept der „Kirche der Kulturen“. „Das war auch der Impuls dafür, diese Platzentwicklung in Angriff zu nehmen.“ Was auf dem Platz geschah, war unabhängig von der Kirche, passt aber sehr gut zusammen. „Da kam von außen etwas auf uns als Kirche zu, während unsere Bewegung sozusagen aus der Kirche hinaus in den städtischen Raum ging.“ Genau an diesem Ort, an dem sich Platz des europäischen Versprechens und Christuskirche treffen, verdichtet sich die europäische Geschichte.

Was in Bochum wohl weitestgehend unbekannt ist: „Die Christuskirche ist eine der bedeutendsten sakralen Bauten in ganz Europa“, sagt Thomas Wessel und verweist auf ein dickes Buch, in dem alle sakralen Bauwerke von den Anfängen bis zur Gegenwert in Europa verzeichnet sind. In einem Buch mit der Sixtinischen Kapelle endet es mit drei ganzen Seiten über die Christuskirche in Bochum. Die Kaiser-WilhelmGedächtnis-Kirche sei auch mit drin. Ganz klein. Weil sie noch erwähnt werden müsse.

Die Bedeutung, die die Christuskirche als Bauwerk hat, bekommt sie mehr und mehr auch als Konzert- und Veranstaltungssaal. „Vor ein paar Jahren hätte sich noch kein Veranstalter getraut, mit einer Show in eine Kirche im Ruhrgebiet zu gehen. Das kommt jetzt langsam“, gibt Thomas Wessel einen Ausblick auf das Programm im Dezember: „der Bochumer Weltstar“ Chris Hopkins, dem ehemaligen Genesis-Sänger Ray Wilson und noch viele mehr sind mit dabei. Besonders am Herzen liegt ihm der internationale Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz. „Neben dem Bundestag ist die Christuskirche der einzige Ort in Deutschland, an dem der Gedenktag begangen wird.“

Sven Berger

Dieser Artikel ist in der BOMA-Ausgabe Dezember 2016 erschienen.

Platz des europäischen Versprechens

vor der Christuskirche Bochum
Platz des europäischen Versprechens
44787 Bochum

www.christuskirche-bochum.de 

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