Als Theater in die Stadt kam

Als Theater in die Stadt kam 100 Jahre Schauspielhaus Bochum – Beatrix Feldmann erinnert sich

Im April feiert das Schauspielhaus Bochum seinen 100. Geburtstag. Viel ist in dieser Zeit geschehen: Anfang des 20. Jahrhunderts als größte Bühne des Ruhrgebiets eröffnet, musste das zunächst unter dem Namen ‚Orpheum-Theater‘ eröffnete und kurz darauf in ‚Apollo-Theater‘ umbenannte Haus aufgrund in doppeltem Sinne schlechter Resonanz wenig später wieder schließen. Es wurde umgebaut, ging pleite, wurde beim großen Luftangriff auf Bochum fast komplett zerstört, sollte in die Innenstadt an den Husemannplatz verlegt werden und wurde schließlich zu Beginn der 1950er-Jahre so errichtet, wie es heute bekannt ist. Mit der verklinkerten Fassade als Reminiszenz an den Ziegelstein, der Baustoff des Ruhrgebiets seit dem 19. Jahrhundert. Zu großen Wiedererkennungsmerkmalen wurden die nierenförmigen Räume und die in zwei Kronleuchter aufgeteilten Tulpenlampen im Foyer.

Trotz aller Veränderungen gibt es zwei Konstanten, die so unumstößlich sind wie ein Premierentermin: Ein Publikum, das seit jeher kaum Interesse an seichter und belangloser Unterhaltung hat, das offen für neue Theatererlebnisse ist, dem Provokation zugemutet werden kann und für das ein Theaterbesuch alltäglich ist. Und Beatrix „Trixi“ Feldmann als erste Ansprechpartnerin für das gesamte Ensemble. Seit fast 35 Jahren ist sie nun am Schauspielhaus Bochum und momentan im künstlerischen Betriebsbüro die Schaltstelle zwischen Kunst, Schauspielern und Technik. Als Mädchen für alles kann sie immer weiterhelfen wenn es heißt: „Können wir da was machen?“, „Trixi, hast du mal eine Handynummer?“ Einfacher als aufzuzählen, was sie alles macht, ist aufzuzählen, was sie nicht macht – auf der Bühne stehen.

Selbst das hat sie schon. Zum Beispiel mit Tana Schanzara Ende der 1970er-Jahre in ‚Die Dreigroschenoper‘. Oder in ‚Die Wupper‘. „Da hatte ich sogar einen Satz“. Laut Vertrag sind oder zumindest waren die Mitarbeiter des Schauspielhauses spielverpflichtet.

„Es gab ein Stück ‚Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten‘, da hat die ganze Etage mitgespielt. Sogar der Verwaltungsdirektor damals“

Akordeon

erinnert sich Trixi Feldmann. Auch an ihre Aufnahmeprüfung an der Hochschule der Künste in Berlin. „Die Proben hatten mir total viel Spaß gemacht. Aber dann ein Stück sechs Mal die Woche zu spielen, das war nicht meins.“ Trixi Feldmann braucht die Abwechslung. Und die hat sie am Schauspielhaus Bochum gefunden.

Mit bisher sieben Intendanten hat sie zusammengearbeitet. Auch, wenn es etwas vor ihrer eigenen aktiven Zeit am Schauspielhaus Bochum war, weiß sie zu erzählen: „Richtig los ging es mit Zadek, der hat hier Aufruhr reingebracht.“ Das Theater blieb nicht mehr nur im Schauspielhaus, es ging raus in die Stadt, war Stadtgespräch. „Da ging es los, dass es hieß: Schauspielhaus, da muss man hingehen.“ Besonders ab dieser Zeit hat das Schauspielhaus Bochum Zeitgeschehen kommentiert und sich mit den Bochumern solidarisch gezeigt, die ihre Jobs bei Opel und Nokia verloren. „Da war das Schauspielhaus Bochum immer ein ganz offenes Haus. Ich glaube, solche Sachen haben kaum andere Schauspielhäuser gemacht.“

Für Beatrix Feldmann kommt die Intendanz von Frank-Patrick Steckel, der sie nach Bochum mitgebracht hatte, in der öffentlichen Wahrnehmung etwas zu kurz. Noch heute bewundert sie ihn für seine klare Haltung, als er zusammen mit dem Tanztheater ging, dessen Vertrag damals nicht verlängert wurde. Steckel sei eher ein Denker gewesen, ein unheimlich kluger Mensch und wahnsinnig guter Rhetoriker. „Leander Haußmann war die wilde Zeit danach“, lacht sie. Die meisten der Intendanten waren nicht so laut, als dass sie im öffentlichen Bewusstsein geblieben wären, haben aber jeder auf seine Weise das Schauspielhaus geprägt.

Das Schauspielhaus Bochum war nie ein Kulttempel, auf den man sich vorbereiten muss. Es war und ist immer „unser Schauspielhaus“. Man überlegt nicht, was zieht man an. Man geht einfach ins Theater. Wie ins Kino oder in die Kneipe. „Diese Einstellung gefällt mir sehr.“ Ebenso die Offenheit gegenüber neuen Theaterformen und die direkte Art, unverblümte Kritik zu äußern wie auch vor Begeisterung aufzuspringen und stehende Ovationen zu geben. „So ein direktes Publikum wie in Bochum gibt es sonst nirgends.“

Mit Johan Simons als Intendanten hat sich erneut Einiges geändert. Es steht nun drauf, was drin ist – Schauspielhaus Bochum. In großen Leuchtbuchstaben. Keine Werbebanner verdecken mehr die Backsteinarchitektur, das Ensemble ist so international und vielsprachig wie die Menschen auf den Straßen, fast alle Stücke sind übertitelt, das ‚Theater unten‘ heißt nun ‚Oval Office Bar‘, das Programm wird vielschichtig wie nie zuvor. Mit vielen Konzerten, Installationen und ganz neuen Theaterformen.

Dafür ist u. a. der Dramaturg und Regisseur Tobias Staab zuständig, der seit der neuen Intendanz am Schauspielhaus ist und sich auch um die Gestaltung des Liederabends ‚O, Augenblick‘ anlässlich des Jubiläums und das Festwochenende kümmert. Der Liederabend soll eine Kollage mit Referenzen an die Geschichte des Schauspielhauses Bochum sein und den Fragen nachgehen: „Was kann Theater? Was ist Theater? Wie kann man sich an Theater erinnern? Und warum erinnern sich eigentlich alle anders? Obwohl sie die gleichen Dinge gesehen haben.“ Premiere feiert ‚O, Augenblick‘ am 22. Februar. Am Festwochenende im April soll er zusätzlich in einer einmaligen Edition aufgeführt werden.

Des Weiteren sind ein besonderer Festakt mit besonderen Gästen geplant, Talks mit Weggefährten aus der Geschichte des Schauspielhauses, ein Tag der offenen Tür, der auch all diejenigen einladen möchte, die sonst nicht viel mit Theater zu tun haben, eine Art Matinee-Gespräch am Sonntag mit Claus Peymann, der maßgeblich für die Geschichte des Schauspielhauses prägend war u. v. a. m.

100 JAHRE – DAS FEST
13. UND 14. APRIL 2019

Sven Berger

Dieser Artikel ist in der BOMA-Ausgabe Januar/Februar 2019 erschienen.

Schauspielhaus Bochum

Königsallee 15
44789 Bochum
T 0234 33330

www.schauspielhausbochum.de

Schauspielhaus Theater mit Geschichte

Bereits 1915 eröffnet, ist das Schauspielhaus Bochum heute dank seiner legendären Intendanten und Schauspieler eine der renommiertesten Bühnen Deutschlands.

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