Ein Querschnitt durch die Bochumer Bierkultur

Genuss und Leidenschaft Ein Querschnitt durch die Bochumer Bierkultur

Bochum wird 700 Jahre alt – und Bier war schon immer ein Teil der Bochumer Kultur. Als 1321 Graf Engelbert II. der Stadt die erweiterten Marktrechte erteilte, wurde in der Urkunde auch geregelt, wie Bier verkauft werden darf. Heute werden Bier und Bochum am ehesten über die Brauerei Fiege in Verbindung gebracht. Doch die Bierkultur in Bochum geht weit über die im Jahr 1878 gegründete Traditionsbrauerei hinaus. Wir wagen einen Querschnitt durch den bewegten Bierkosmos der Stadt.

Bochum verfügte einst über eine blühende Brauereilandschaft. Noch vor Fiege brachte zum Beispiel die Schlegel-Brauerei ihr Bier unter die Leute. Nach vier Jahren als Brauer im Haus Overdyck rief der Franke Johann-Joachim Schlegel am 1. Mai 1854 an der Alleestraße die „Bayerische Bierbrauerei J.J. Schlegel“ ins Leben. „Um bayrisches Bier nach Bochum zu holen“, sagt Klaus-Joachim Schlegel, der Urenkel des Gründers Johann-Joachim, der genau vor 200 Jahren geboren wurde.

Das bayrische Schlegel-Bier füllte schnell viele Kehlen, in den 1920er-Jahren war der Slogan „Bochums Dreiklang, merk ihn Dir: Kohle, Eisen, Schlegel-Bier“ in aller Munde. Später zählte die Brauerei zu den bedeutendsten Deutschlands. Doch die Traditionsgeschichte fand ein jähes Ende: Nach der Übernahme durch die Union-Brauerei wurde der Betrieb 1980 stillgelegt, sieben Jahre später wurde das Bier komplett vom Markt genommen.

„Das war eine schwierige Zeit für mich, mit einem Stückchen Wehmut“, erinnert sich Schlegel, der immer engagiert hautnah dabei war. Der heute 85-Jährige kann mittlerweile wieder zum Schlegel-Bier greifen.

Im Jahr 2003 wurde die Marke aufgekauft, wird seitdem in kleinen Mengen nach dem Urtyp-Rezept produziert und in Bochumer Getränkemärkten verkauft. „Vor allem in der Adventszeit ist Schlegel-Bier ein beliebtes nostalgisches Geschenk von den Enkeln an die Großväter“, so Schlegel.

Neue Marke aus Wattenscheid
Derweil hat sich in Wattenscheid eine neue Braukultur aufgetan: Die PiepNitz-Brauerei steht noch ganz am Anfang. Ursprünglich hatten Alexander Pieper und Alina Gränitz, deren Nachnamen den Firmennamen bilden, sich eigentlich nur mit einem Brauerei-Set auseinandergesetzt. Doch aus dem kleinen Hobby wurde eine große Leidenschaft. Im vergangenen Jahr folgte mit zwei Freunden die Firmengründung durch Pieper, Stella Golzwaren und Anton Deisel.

„Wir haben bei Alex im Keller immer wieder neue Sorten gebraut, am Ende hatten wir einige Biere dabei, die richtig gut waren. Dann ging es ganz schnell mit der Gründung“, erzählt Deisel. PiepNitz hat sich vor allem auf Craft-Biere mit dem besonderen Touch spezialisiert. Neben vier festen Biersorten werden im Wechsel stets neue, experimentelle Sorten angeboten. Weil die Nachfrage schnell groß war, hat PiepNitz gerade eine neue Anlage bestellt, die bis zu 200 Liter pro Tag produziert. Außerdem werden Brauseminare für Anfänger und Tastings online angeboten. „Der Start war super. Wir sind gespannt, was jetzt noch kommt“, so Deisel.

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Brauerei im Wiesmann's
In Wattenscheid wird es demnächst einen weiteren Zugang für die Bochumer Bierszene geben. Eine Initiative um Gerhard Ruhmann ist dabei, ein Stadtteil-Bier zu entwickeln. Der Bochumer hat sich schon sehr früh mit Bier beschäftigt („Nach dem Fußball kam an den Körper nix außer Wasser und Fiege-Pils“), und dies seit 1987 intensiviert. Inzwischen ist er Braumeister und ein halbes Leben lang in der Bierbranche engagiert. Auch nach seiner Rente 2017 hat er das Brauen nicht aufgegeben und zuletzt das „James Blond“-Bier aufgelegt. Mit den Urbanisten und der Initiative Mittendrin hat der 72-Jährige nun das WatWerk gegründet, das in Wattenscheid für verschiedene Aktionen sorgen will. Unter anderem mit einer Lern- und Kreativbrauerei.

Die Brauerei ist seit Anfang des Jahres im Haus Wiesmann untergebracht, das im Zuge der WatWerk-Gründung in Wiesmann’s umbenannt wurde. Sobald es die Umstände wieder zulassen, sollen dort Tastings und Seminare stattfinden, die aktuell teilweise auch online verfügbar sind. Fernziel soll ein eigenes Bier sein. „Wir wollen mit dem Bier etwas Identitätsstiftendes für Wattenscheid schaffen. Dabei setzen wir auch auf alte, traditionelle Bierstile wie Keut- oder Grutbier mit Kräutern aus eigenem Anbau“, so Ruhmann. Der erste Sud ist nur noch eine Frage der Zeit.

Mit dem Bier vor dem LaptopSobald das Bier verfügbar ist, landet es sicherlich in den Online-Tastings von „Hopfen sei Dank“. Die Initiative hat sich 2016 gegründet, „als Genussbewegung zum Thema Bier“, sagt Oliver Sopalla, der mit Philipp Pöss die Idee dazu hatte. Die Bochumer Agenturinhaber laden seitdem zur Expedition durch das Geschmacksuniversum Bier ein, mit Lesestoff, auf selbst organisierten Festivals und bei Online-Tastings, die regelmäßig ausverkauft sind, im vergangenen Jahr gab es rund 250 davon.

Bis zu 700 Teilnehmer versammeln sich dann vor der Kamera mit ihren vorher zugeschickten Bierpaketen. Sopalla nimmt als Moderator an einer Theke mit Gästen Platz und hat zu jedem Bier die passende Geschichte parat. Teilweise werden auch die Braumeister zugeschaltet. Nebenbei wird mit viel Witz und Charme über das Ruhrgebiet geplaudert. Da kommt richtige Kneipenatmosphäre auf, zumal auch der Chat von den Teilnehmern rege genutzt wird und aufkommende Fragen in die Thekenrunde geworfen werden. Die Tastings werden zu verschiedenen Themen angeboten: Von Ruhrpott über Belgien bis zum „Tanz in den Mai“. Der Stoff geht „Hopfen sei Dank“ jedenfalls nicht aus. „Bier ist komplexer als Wein. Vor allem, wenn man sich mit der Aromatik beschäftigt, ist das extrem spannend“, erzählt Sopalla und bescheinigt den Bochumern „ein gutes Qualitätsbewusstsein“.

Bochumer Bierclub
Dieses Urteil würde auch Max Zellmer sofort unterschreiben. Der 38-Jährige war Besitzer des „Biermuda“. Dort sind damals viele Bierfans zusammengekommen, die 2017 den Bochumer Bierclub etabliert haben, um sich für die Pflege und Erhaltung der Bochumer Bierkultur einzusetzen. Alte Bochumer Brauereien mit großer Geschichte, wie Viktoria oder Müser, werden durch den gemeinnützigen Verein in Erinnerung gehalten, unter anderem durch historische Aufarbeitung der Bierhistorie der Stadt. Dabei werden nicht nur Bierdeckel, Werbung und Etiketten gesammelt. Bei Ausflügen, Rundgängen und Tastings wird das Spektrum der Bierkultur aufgezeigt.

Insgesamt 40 Mitglieder engagieren sich im Bochumer Bierclub. Natürlich steht bei den Treffen nicht immer nur Bochumer Bier auf dem Tisch, aber zumindest doch am liebsten. „Wir können in Bochum stolz auf unser Bier sein. Sowohl was die Geschichte betrifft als auch in der Gegenwart. Mit Fiege haben wir eines der besten Biere in Deutschland“, so Zellmer.

Über 200 Sorten in der Trinkhalle
Wer über den Bochumer Tellerrand hinausschauen möchte, ist bei der Trinkhalle an der Herner Straße 8 richtig. Die vor sieben Jahren gegründete Kultkneipe hat rund 200 Biere im Sortiment, aufgereiht in fünf großen Kühlschränken. „Wir bieten hochwertige Biere an, keine Konzernware und am liebsten regional beheimatet“, sagt Thomas Maas, einer der sechs Mitarbeiter, die alle echte Bierexperten sind und viel Wissen für die Gäste bereithalten. Darüber hinaus ist im beliebten Tischtennisraum die vielbeachtete Ping Pong Gallery beheimatet.

Solange die Kneipe von Inhaber Tom Gawlig, die im Normalbetrieb auch eine Bierakademie durchführt, wegen der Corona-Bestim mungen geschlossen bleiben muss, wird freitags und samstags von 17 bis 20 Uhr ein Fensterverkauf durchgeführt. Ein nettes Gespräch gibt’s immer gratis inklusive. „Die Trinkhallenkultur spielt im Ruhrgebiet ja eine große Rolle. Wir haben das Prinzip hier ein wenig neu erfunden“, sagt Maas, der sein Lieblingsbier (Flemish-Red) in Belgien verortet, aber auch für Fiege ein Lob ausspricht: „Als Nahversorger ist das ein Traum.

Generationswechsel bei Fiege
So viel Lob von den Bierexperten freut die Brauerei Fiege natürlich, die gerade zum achten Mal in Folge mit dem Gütesiegel „Slow Brewing“ ausgezeichnet wurde, nach einer ganzheitlichen Qualitätsprüfung, die als strengste der Branche gilt. Seit 143 Jahren braut das Familienunternehmen für Bochum. „Tradition ist uns wichtig, da können wir stolz drauf sein, aber wir setzen genauso auf Innovationen. Da hat jede Generation ihren Beitrag zu geleistet“, erklärt Carla Fiege, Tochter von Jürgen, die mit ihrem Cousin Hubertus, dem Sohn von Hugo, die neue Generation bildet.

Im Februar 2019 sind die beiden 31-Jährigen in die Geschäftsführung eingestiegen, sie bilden mit ihren Vätern gemeinsam ein Tandem. Ein konkretes Übernahmedatum gibt es nicht, aber in den nächsten ein bis zwei Jahren wird wohl der Führungswechsel eingeläutet. „Den Übergang haben wir bewusst als Prozess gestaltet, wir können viel von unseren Vätern lernen – und wir ergänzen uns auch gut. Wir wollen frischen Wind und neue Sichtweisen reinbringen“, erzählt Carla Fiege.

Die neue Generation hat schon einige Ideen. Die bleiben jedoch erst einmal in der Schublade, solange die Corona-Pandemie gemeistert werden muss. Bei aller Innovation soll sich eines aber nie ändern: der typische Fiege-Geschmack, hopfenbetont und charaktervoll. Doch egal, welches Bier Sie jetzt zur Hand nehmen – wir sagen Prost!

PiepNitz

Wattenscheider Hellweg 145
44867 Bochum
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Fiege

Moritz-Fiege-Straße 1
44787 Bochum
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Trinkhalle

Herner Str. 8
44787 Bochum
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